Land: Weißrussland
Einwohnerzahl: 9,5 Mio.
Hauptstadt: Minsk
Lage: Osteuropa
Reisezeitraum
: Juni 2016
Vorbericht: Die Reise nach Weißrussland war für alle 34 Teilnehmer ein gewisses Abenteuer – sozusagen „terra incognita“. Das medial meist als „letzte Diktatur Europas“ dargestellte Belarus hat uns einen sehr differenzierten Eindruck hinterlassen und dieses öffentliche Bild doch sehr relativiert. Aber der Reihe nach.

Juni 2016

Belarus – ein Land der Widersprüche

Respekt einflößende Agrarbetriebe sowie überraschend positive Eindrücke

Die Reise nach Weißrussland war für alle 34 Teilnehmer ein gewisses Abenteuer – sozusagen „terra incognita“. Das medial meist als „letzte Diktatur Europas“ dargestellte Belarus hat uns einen sehr differenzierten Eindruck hinterlassen und dieses öffentliche Bild doch sehr relativiert. Aber der Reihe nach.

Der Agrarexperte und Journalist und Reiseveranstalter Jan Peters bietet seit Jahren spezielle Agrarreisen in alle Welt und auf alle Kontinente. Diese 23. Agrarreise sollte in die Präsidial-Republik von Alexander Lukaschenko gehen, der dort seit 1994 in autoritärem Stil regiert. Niemand der in der Agrarwirtschaft tätigen Mitreisenden war auf diesem bisher weißen Flecken der mittelosteuropäischen Landkarte gewesen.

Umso gespannter konnten die Teilnehmer sein, was sie auf der 5-tägigen Rundreise im Juni 2016 erwartet: Große Agrarbetriebe privaten Eigentums und Agrarkombinate in teilweise durchaus schwindelerregenden Größenordnungen. Und eine immer wieder herzliche Gastfreundschaft mit reichhaltigen gastronomischen Spezialitäten belarussischer Provenienz. Belarus soll ca. 1.000 privat investierende Landwirte und verarbeitende und vermarktende Agrarbetriebe haben.

Privatwirtschaft mit staatlicher Regulierung

Den Auftakt bildete der Betrieb von Lorenz Peter Stotz vom Lohntechnikunternehmen „Stotz Agrartechnik“ aus Handewitt/Flensburg, der den Agrarbetrieb „Stotz Agroservice“ in Belarus mit Milchvieh und Getreide sowie Technikstandorten mit 300 Mitarbeitern seit 25 Jahren mit Erfolg betreibt. Die Exkursion führte uns auf den 5.000 ha-Betrieb in der Nähe der 2-Millionen Hauptstadt Minsk.

Der agile Stotz betreibt den erfolgreichen Betrieb zusammen mit Geschäftspartnerin Waltraud Schuster, deren beruflicher Stallgeruch aus der Führung einer LPG in Mecklenburg-Vorpommern stammt.  „Ich verkaufe in Weißrussland nur Landtechnik, die ich auch in Deutschland selbst verwende. Das Land hier mit einer kaum kleineren Fläche als Deutschland und nur knapp 10 Millionen Einwohnern bietet beste Voraussetzungen zur Entfaltung von Agrarwirtschaft. Allerdings machen uns protektionistisch anmutenden Vorschriften – besonders infolge der preislichen Zwangsverteuerung von überteuren Zinsen für westliche Ackertechnik – unser unternehmerisches Agieren sehr schwer. Heimische Technik, wie die etwa von Belarus, wird im Absatz massiv gefördert und bevorzugt.“  Dennoch klingen die Aussagen des Vollblutunternehmers durchaus optimistisch: Er sei ein Exot mit Herz – ein Macher, der nicht gleich bei Problemen wegläuft und in aller Offenheit anspricht, wenn ihm der Schuh drückt.

Konkurrenz für den Westen aus Belarus

Der nächste Agrarbetrieb in Brest lag eine halbe Tagesreise nach Westen entfernt. Die dortigen 13.000 ha Marktfruchtanbau mit 13.000 Rindern/5.500 Kühen, 26.000 Schweinen, eigenem Mischfutterwerk, einem großen Technikstandort sowie einer eindrucksvollen Apfelplantage mit 170 ha werden höchst professionell von rund 700 Mitarbeitern des in Staatseigentum stehenden Kombinats gemanagt. Der Milchpreis liegt nach Aussage der Molkeristen bei umgerechnet rund 25 Euro-Cent inkl. MwSt., was angesichts der dort niedrigen Lohnkosten absolut auskömmlich und ertragreich ist. Das durchschnittliche Arbeitseinkommen liegt in Weißrussland monatlich bei rund 500 Euro.

Der Agrokomplex bietet für seine Mitarbeiter darüber hinaus auch 40 Ferienheimplätze auf dem Betriebsgelände und scheint insgesamt sehr gut strukturiert zu sein. Wie seitens der Mitreisenden immer wieder anerkennend zu hören: „Wir im Westen Europas brauchen uns nicht einzubilden, dass die hier angetroffenen Agrarwirtschaft nicht mit uns konkurrieren kann – eher das Gegenteil ist zu befürchten. Und als Exportventil für uns im Westen werden die uns nicht brauchen.“

Milchwirtschaft in einer der modernsten Molkereien Europas

„Tag drei“ der Reise führte speziell in den Milchsektor und begann bei einem milchführenden Betrieb mit 2.600 Milchkühen mit einem 80-er Milchkarussell bei einer Jahresleistung von ansehnlichen 7.700 kg sowie 7.000 ha für Futterbau und Grünland. Dieser Betrieb ist einer von insgesamt 92 Milchviehbetrieben mit 120.000 Kühen mit einer gesamten Tagesanlieferung von 2.500 to. Milch an die regionale Privatmolkerei. „Die Milchwirtschaft hier hat Zukunft, da Weißrussland insgesamt zu wenig Milch produziert und auf Importe aus Polen angewiesen ist“, so der Betriebsleiter. Die durchschnittliche Bodenqualität liegt im Bereich 30 – 40 Bodenpunkten, an einigen Standorten auch bei 60 – 80.

An der zu den größten Milchverarbeitern in Weißrussland gehörigen Molkerei ist der Staat als Aktionär zu 1 % beteiligt und steht im Eigentum eines Fischerei-Magnaten. „Der Staat greift in unsere unternehmerische Freiheit nicht ein – außer bei der Steuer, an der niemand vorbeikommt. Unsere hochmoderne Molkerei beschäftigt insgesamt 3.500 Mitarbeiter und produziert täglich 300 Milchprodukte. Unsere Exporte sind in Russland, Litauen, Usbekistan, Kasachstan, Dubai und Afrika gefragt.“

Das einhellige Fazit aus der Reisegruppe ließ auch nicht lange auf sich warten: „Die hier verstehen ihr Handwerk, von der Milchproduktion mit Tierwohlkriterien bis hin zur professionellen Verarbeitung und Vermarktung.“ Die im Eingangsbereich der Molkerei präsentierten rund 100 Auszeichnungen der letzten 15 Jahre dokumentieren auch die internationalen stolzen Erfolge.

Agrarkombinat „Gewächshäuser“ auf Weltstandard

„Tag vier“ führte zu supermodernen Gewächshäusern mit dem Anbau von Tomaten, Paprika, Gurken und Rosen. Das war erfreulicherweise gleichzeitig auch so etwas wie ein abwechslungsreiches Damenprogramm, das aber auch die männlichen Agrarfachleute aus dem Westen in ihren Bann zog, denn: „Dies ist Technologie, die weltweit ihresgleichen sucht und dem allerletzten Stand der Technik entspricht.“ Der seit 40 Jahren existierende Betrieb hat nach der jüngsten baulichen und technologischen Umstellung seine Erträge von 60 Kg/qm auf 106 Kg/qm fast verdoppelt. Die höhere Anbaufläche, die Mineralwatte, die Feuchtigkeits- und Nährstoffregulierung sowie die optimierte Energie-, Wärme und Lichtausbeute über die Computersteuerung sind die ausschlaggebenden Kriterien für diese Leistungsexplosion auf einer Gesamtfläche von 33 ha unter Glas.

Auch die Bekämpfung von Schadinsekten über den Einsatz von Käfern ersetzt Pestizide. Die Nutzinsekten werden vornehmlich aus Israel und England importiert. Die bestechende Philosophie des Agrarkombinats „Gewächshäuser“ lautet schlicht: „Wo immer auf der Welt neueste Technologie eingesetzt wird, setzen wir sie auch ein.“

Weitere Station im Agrarkombinat war ein Rinder-/Milchviehbetrieb mit einer Jahresleistung von 9.100 Kg Milch. Der hohe technologische Einsatz auf dem neuesten Stand der Technik zeigte sich insbesondere in der Computer- und Chip gesteuerten Versorgung des Viehs und der vollautomatischen Melkanlage. Die hier tätigen wenigen Arbeitskräfte haben fast ausschließlich überwachende Tätigkeiten – die Tiere sind dementsprechend weitestgehend sich selbst überlassen.  Sauberkeit und Kuhkomfort und damit sicher auch die Milchleistung sind hier nach übereinstimmender Beobachtung der Agrarreisenden aus Deutschland durchaus verbesserungsfähig.

Belarus-Traktoren – unschlagbar günstig, robust und weltweit gefragt

„Tag fünf“ führte in das Traktorenwerk Belarus in Minsk, wo jährlich 45.000 Traktoren vom Band laufen. Die Tagesproduktion von 100 – 200 Ackerfahrzeugen zeigt vor allem eines: Eine robuste Technik, die unanfällig und leicht zu reparieren ist. Vor allem der Preis ist konkurrenzlos günstig, wie seitens der Belarus-Verantwortlichen und der Agrarfachleute aus dem Westen gleichlautend betont wurde. Die rund 15.000 Mitarbeiter sind stolz, an diesem Vorzeigeprodukt aus ihrer Heimat mitwirken zu können.

Vor nunmehr rund 70 Jahren wurde hier der Trecker der ersten Generation hergestellt – über die Jahre dürften das insgesamt annähernd 3 Millionen Stück sein. Aufgrund ihrer Langlebigkeit sind davon sicher noch die Hälfte im Einsatz – und wegen ihrer Baugleichheit über lange Jahre hinweg dürfte ein guter Teil der ältesten Traktoren auch immer noch als Ersatzteillager gelten. Der Export geht gleichermaßen nach Europa und nach Afrika – ein weltweiter Exportschlager „made in Belarus“. Diese Eindrücke aus der unmittelbaren Produktion wurden ergänzt durch unseren Besuch auf der „Belagro“, der Landtechnikmesse in Minsk, die auch von Vladimir Putin und Alexander Lukaschenko aufgesucht wurde.

Bestechend klares Privatisierungskonzept

Ein 5.000 ha Privatbetrieb von zwei agilen Eigentümern mit besonderer Ausstrahlung und hoher Managementqualität zeigte gegen Ende der Reise, was in der Agrarwirtschaft alles möglich ist. Innerhalb kurzer Zeit haben die beiden Eigentümer die Milchleistung verdoppelt und hier eine Rendite bei der Milch wegen der nur geringen Arbeitskosten von 45 % erzielt. Auch die Getreideerträge haben sich durch die Privatisierung von zwei Betrieben auf 73 DZ etwa bei Winterweizen verdoppelt.

Das bestechend klare Konzept der umtriebigen Agrarmanager ist in wenigen Punkten umrissen: Optimierung mit weniger Personal, strenge Disziplin mit Lohnanreizen, veränderte Anbaustrukturen, Halbierung der Selbstkostenpreise für Futtermittel und Qualitätsverbesserung der Produkte wie 100 % Extraqualität bei der Milch.

Belarus – vom „Terra incognita“ zum „Land der positiven Überraschungen“

Unsere Reise hat sehr interessante und durchaus unerwartete Aspekte hervorgebracht – die Gastfreundschaft der Menschen, die Leistungsstärke des Agrarsektors und der Blick auf ein zwar autokratisch geführtes Land. Aber – und das ist das eigentlich Überraschende –  wir haben viel Sympathie für dieses Land mit nach Hause nehmen können (und hoffentlich auch dort hinterlassen können). Positiv haben wir die dort herrschenden Ordnungsstrukturen, das architektonisch und ästhetisch angelegte Stadtbild von Minsk oder Brest oder den nationalen Identitätsgedanken wahrgenommen. Letzteres Identitätsbewusstsein wünscht man sich gelegentlich als Vorbild auch in unserem Land.

Joachim Prahst

Agrarjournalist